Ein Hoch auf die Azoren

von Willi Zowalla

Ein Hoch auf die Azoren

„Was, du fährst auf die Azoren? Bist du sicher, dass du nicht dein schweres Tackle mitnehmen willst?“ Nicht nur einmal hörte ich diese Frage und ich war mir tatsächlich nicht sicher, ob mein Vorhaben wirklich Sinn macht. Warum sollte man nur mit zwei leichten Spinnruten und wenig Tackle zu einer der besten Adressen für Big Game Fishing fahren? Das kann doch gar nicht funktionieren und hätte ich in meinen zwei Wochen auf Sao Miguel auch nur einen GT, Thun oder Barrakuda gehakt, wäre das sicher nicht zu meinen Gunsten ausgegangen. Auch wenn die Azoren für ihre hervorragende Salzwasserfischerei bekannt sind, bieten die kleinen Inseln mitten im Atlantik doch so viel mehr.

Allem voran eine Reihe nahezu unbefischter Kraterseen, die hervorragende Bestände der besten Sportfische Europas bieten – Hecht, Flussbarsch, Zander, Regenbogenforelle, Karpfen und Schwarzbarsch lassen sich allein auf der wenige Quadratkilometer großen Insel Sao Miguel fangen. Dazu in einer Landschaft, die wohl jeden Neuseeland-Fan an die Drehorte von Herr der Ringe erinnert; und Angellizenzen, die so billig sind, dass man hierzulande nicht mal einen Döner dafür bekommen würde.

Vier Jahreszeiten an einem Tag

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Wäre da nur nicht die Sache mit dem Wetter. Über das Wetter auf den Azoren gibt es eine Vielzahl an Mythen, die unterschiedlicher nicht sein können. Vom „Azorenhoch“ bis zu „vier Jahreszeiten an einem Tag“ gibt es viele Meinungen über die Wetterbedingungen auf den Inseln. Und dennoch steckt in jeder ein Fünkchen Wahrheit. Die isolierte Lage der Inseln inmitten des Atlantiks sorgt für ein einzigartiges mildes Klima, allerdings auch für das wechselhafteste Wetter, welches ich jemals erlebt habe. Vorweg: eine vernünftige Regenjacke (und –hose) sind hier Pflicht!

Irgendwann gewöhnt man sich aber an die ständige Anwesenheit von Wind und Regen und freut sich um so mehr über die wunderbaren, windstillen Sonnenstunden. Doch auch wenn sich das Wetter von der besten Seite zeigt, sollte man nie ohne eine Regenjacke im Rucksack auf Tour gehen. Ein Erlebnis auf der Insel zeigte mir besonders wie wichtig eine gute Regenkleidung hier ist. Bereits bei meiner Fahrt zum Lagoa do Fogo wird schnell klar, dass das Wetter hier oben noch einmal nach anderen Gesetzen spielt als unten an der Küste. Dicke Wolken hängen am Gipfel und versperren den Blick auf den See. Ich überhole ein Pärchen junger Schweden auf dem schmalen Weg zum Wasser. Die beiden sind sich der Sache aber nicht ganz sicher und kehren um. „Du willst hier fischen?“ Klar will ich.

Der Lagoa do Fogo bietet einen jungen, gut gewachsenen Bestand an Schwarzbarschen und auch einigen Regenbogenforellen. Und einen Blackie hatte ich noch nie gefangen. Hinunter zu Wasser geht es nur über einen schmalen, mäandernden Weg, den man wohl mehr hinunterstolpert als ihn zu laufen. Hat man einmal die Wolkendecke durchbrochen öffnet sich ein atemberaubender Blick auf den alten Vulkankrater, der sich über viele Jahre hinweg mit türkisblauem Wasser gefüllt hat. Der „Feuersee“ selbst hat mit Sandstränden, schroffen Felswänden, flachen Buchten und einer beeindruckenden Flora und Fauna definitiv einiges zu bieten und zählt nicht ohne Grund zu einem der schönsten Fleckchen auf der Insel.

Die Fischerei gestaltet sich bei meinem Besuch allerdings ziemlich schwierig – starke Sturmböen und der plötzlich aufkommende Sturzregen ermöglichen zunächst keinerlei Köderkontakt. Dennoch fange ich bald meine ersten kleinen Schwarzbarsche und auch zwei der Kraterforellen mit ihren charakteristisch großen Augen.

Ornate Wrasse
Yellowbelly Grouper
Carp
White seabream
Pike
Rock-pool blenny
Pompano

Mehrmals beobachte ich wie die Forellen meinen Köder verfolgen, ihn verfehlen und erneut attackieren. Die Fische sind gut drauf, doch das Wetter zwingt mich nach etwa zwei Stunden Aufenthalt zum Umkehren. Der Regen ist so stark, dass mein Rucksack trotz Regenschutz in kürzester Zeit durchnässt ist; und der schmale Weg, den ich eine Stunde zuvor hinuntergelaufen war, hat sich inzwischen zu einem kleinen Wasserfall verwandelt. Kamera und Handy trage ich zum Glück unter meiner regenfesten Kleidung. Es ist unglaublich, mit welcher Kraft das Wetter hier umschlägt. Unbarmherzig, ungezähmt, wild.

Von Insekten und Karpfen

Die Einheimischen meiden die Fischerei in den Seen der Insel. Wozu auch, wenn man den Atlantik mit den kampfstärksten Fischen der Welt vor der Nase hat? Nahezu meine gesamte Reisevorbereitung konzentrierte sich jedoch auf die Fischerei in den Kraterseen, allen voran dem Lagoa Azul in Sete Cidades. Als eingefleischter Großstadtangler war ich sofort Feuer und Flamme, als ich Berichte von unglaublichen Barsch- und Hecht Fängen sah. Bis auf eine Hand voll Hechte fange ich in den ersten Tagen an diesem See jedoch nichts. Keine Spur von den dicken Barschen.

Dafür scheinen ganz andere Fische im ganzjährig warmen Wasser und den krautigen Buchten hervorragend zu gedeihen. An nahezu jedem Spot sieht man Karpfen gründeln. Ein Fisch der auf den ersten Blick wenig interessant für jeden Spinnfischer zu sein scheint. Getreu dem Motto „wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“ entscheide ich mich dagegen weiterhin 20g Jigs erfolglos gegen den Wind zu ballern, sondern die zahlreichen Karpfen mit der Ultralight-Rute zu befischen.

Carp

Mit kleinsten Insektennachbildungen pirsche ich am Ufer entlang, um den gründelnden Karpfen auf die Schuppen zu rücken. Es ist schon reizvoll, mit extrem feinem Tackle auf einen der kampfstärksten Süßwasserfische zu angeln, und gleichzeitig einen Fisch mit der Spinnrute fangen zu wollen, der nicht gerade für seine räuberischen Gene bekannt ist. Und dennoch, es klappt! Sehr gut sogar. Es ist unglaublich spannend zu sehen, wie eines der dicken Wasserschweine beim gründeln auf den zuckenden Kunstköder trifft, kurz innehält, ihn betrachtet und ihn anschließend einsaugt. Dann beginnt ein heißer Tanz am leichten Gerät, zwischen Farnen und Hortensien, in knietiefem Wasser vor absoluter Traumkulisse!

Ein Azorenhoch auf die Ultralight-Rute

Vielleicht war es Angst und Unwissenheit, vielleicht auch verschenktes Potenzial. Vielleicht hätte ich wirklich hören sollen und mit schwerem Tackle die dicken Salzwasserfische befischen sollen – möglicherweise hätte ich dann die beeindruckenden Räuber gefangen, die Ruten brechen, Köder zerfetzen und Drillinge aufbiegen. Die Fische, wegen derer so viele Angler jedes Jahr die Azoren besuchen. Statt seinen großen Fischen habe ich dem Atlantik wohl seine schönsten und gleichzeitig unscheinbarsten Bewohner entlockt. Fische, die in winzigen Pools und Felsspalten an der Küste leben und sich mit keinem Speedjig oder Popper der Welt fangen lassen und deren Namen ich bis heute teilweise nicht kenne.

White seabream

Manchmal lohnt es sich über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, weg von Rekordfischen und hoch gesteckten Zielen. Hin zu Vielfalt und Flexibilität, die Dinge nehmen wie sie kommen und sich daran erfreuen. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass ich ohne meine leichte Rute deutlich schlechter gefangen hätte.

Es gibt wohl kaum eine effektivere Methode, um an einem unbekannten Ort auf unbekannte Fische zu fischen und sich auf die kleinsten und zahlreichsten Vertreter zu konzentrieren. Insgesamt konnte ich so in der kurzen Zeit 14 verschiedene Fischarten im Süß- und Salzwasser fangen. Also nur Mut! Doch auch wer sich nicht mit leichtestem Tackle auf die Inseln traut, hat ordentlich was zu fangen. In Furnas fing ich hervorragend Zander sowie dicke Flussbarsche und der Lagoa do Fogo bietet  Forellen und Schwarzbarsche in wirklich stattlichen Größen. Ich war jedenfalls nicht das letzte Mal auf den grünen Inseln und beim nächsten Mal sind dann die Großen dran …

Rockfishing
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