Feder Vater und die verlorenen Sinne

Text und Fotos Frank Steinmann

Feder Vater und die verlorenen Sinne

Wir alle haben es in unserer Kindheit durchlebt: das Quartals-Kaffeetrinken mit Omas und Tanten. Neben diffusen, mitunter mehrstöckigen Torten-Kreationen, Kaffee- und 4711-Geruch und dem unnötigerweise immer wieder auftretenden Spucke-Taschentuch, kam der standardisierte Spruch „Bist du aber groß geworden“ zum Tragen! Unverständnis, ob diesem „groß“ und ein leichter Anflug von Stolz waren meistens die damit verbundenen Emotionen meinerseits. Die Zeit war damals ein komplett anderes Gebilde, als das was wir heute darunter verstehen – und wie sie jetzt für uns vergeht und wir sie wahrnehmen, diese Zeit.

Vom Großwerden

Heute spiegeln uns genau das unsere eigenen Kinder wider und erst jetzt, als Vater, habe ich verstanden, worin die Bedeutung dieses „Du bist aber groß geworden“ liegen mag. Unser Verhältnis zur Zeit und zum Leben hat sich drastisch geändert. Unsere Zeit läuft ab, rapide und unaufhaltsam, jedes Jahr scheinbar ein wenig schneller. Unsere Kinder wachsen inmitten dieser subjektiven Wahrnehmung von Zeit heran und die gemeinsam erlebten Momente mit ihnen sind kostbar und unersetzbar. Vielleicht empfinden wir Erwachsenen sogar jedes Mal ein wenig Wehmut, wenn wir dieses Sprüchlein vom Großwerden aufsagen. Und neben dem unbeschwerten Zeitgefühl existiert eine weitere Sache, die uns entglitten zu sein scheint: unsere Sinne! Ob wir sie verloren haben, sie aufgaben oder ihnen just keine Beachtung mehr schenken, vermag ich nicht zu beurteilen. Tatsächlich ist es aber so, dass in der frühen Kindheit erlebte Reize, sinnliche Erlebnisse, das Fühlen, Riechen, Schmecken, Sehen und Hören uns, auch unbewusst, bis in das Erwachsenenalter begleiten. Sowohl in Form von schönen Erinnerungen, als auch von Traumata.

 

Vom Kleinsein

Der August, den ich als 5-Jähriger erlebte, roch nach feuchter Erde, wenn die Oma abends mit der Gießkanne die Beete wässerte. Dazu sang der Amselmann sein unverkennbares Lied und die Sonne verschwand hinter dem Waldrand. Die Nachbarin lehnte, ganz spätrömisch, im Nachtgewand am Fenstersims und ihre ungehaltenen Brüste durchbohrten das letzte Abendlicht. Sinnliche Eindrücke, die ich damals sammelte, ohne es zu wissen, sie aber bis heute bei mir trage. Beobachte ich meine achtjährige Tochter heute, werde ich der personifizierten Sinnlichkeit gewahr. Eine diagnostizierte „Hypersensibilität“ gestaltet ihr Leben nicht unbedingt einfacher für sie, Konformität wird bereits im frühen Schulalltag abverlangt, Individualität und Differenzierung finden kaum Beachtung in der leistungsorientierten Institution. Dennoch ist Alba ein starkes und selbstbewusstes Kind. Ihre Fantasie ist grenzenlos und ihre Wahrnehmung unglaublich. Stimmungen, Gerüche, Geräusche, egal welcher Art, werden von ihrem kleinen, stets auf Hochtouren laufendem Gehirn, ungefiltert verarbeitet. Sie durchlebt ständig ein Feuerwerk von Emotionen, mitunter eine Kakofonie von Sinneseindrücken, die sie verzweifeln lässt. Dann nehme ich sie in den Arm und versuche sie zu erden.

 

Im Reich der Sinne

Die Natur ist der Ort, an dem sie ihre Sinne gewähren lassen kann. Darum nehme ich sie zum Fischen mit, seit sie sicher auf den Beinen steht. Ihre anfängliche Skepsis gegenüber der „Gewalt“, die ich den Fischen antue, vermochte ich abzumildern. Ein gesundes Naturverständnis, das uns Menschen als einen Teil der Natur betrachtet, und nicht als Herrscher über diese, ist mir in Belangen der Erziehung stets wichtig gewesen. Alba unterstützt mich mit ihrer Wahrnehmung draußen. Ich erfahre durch sie sinnliche Erlebnisse, die ich lange verloren glaubte. Sie spiegelt mir Vergessenes und Geliebtes. Jeder gemeinsam erlebte Moment ist kostbar und unwiederbringlich. Die Zeit verrinnt. Ich nehme mir alle Zeit, um sie mit meinen Kindern zu verbringen. Beruf und Karriere sind längst ins Abseits geraten, dafür werden meine Sinne belohnt und meine Zeit fühlt sich erfüllt und belebt an. Alba kennt die Blumen, die jetzt am Bach blühen, sie fühlt, riecht und schmeckt sie, letzteres unter Einhaltung der vereinbarten Regeln zum Umgang mit Giftpflanzen. Tote Bäume verwandeln sich in die fiktive Heimstätte von Fabelwesen, ertrinkende Eintagsfliegen werden gerettet und ihre Kleidung ist bereits durchnässt bevor wir uns gemeinsam die Wathosen anziehen. Ich möchte, dass Alba erlebt, wie das Wasser im Frühling klingt, wie feuchtes Moos sich unter den Fußsohlen anfühlt. Warum riecht der Bach im Herbst so anders? Der melancholische Regenruf des Buchfinken kündigt einen Niederschlag an, den wir noch gar nicht fühlen können. Die glänzenden Schuppen einer wunderschönen Bachforelle im Sonnenlicht, der grimmige Blick einer Groppe, all das sind Eindrücke, die sie hoffentlich nie vergessen wird.
Wir liegen gemeinsam bäuchlings im Laub und erleben die „Makro-Ebene“: Winzige Welten und Lebensräume tun sich uns auf, hier herrscht oft Chaos und Gewalt, marodierende Ameisen, wuselige Springschwänze in einem Gewirr von Detritus. Man muss sich darin verlieren, um es zu verstehen. Alba findet einen toten Bussard. Bevor sie ihn unter einer Schicht Laub und Moos verscharrt, entfernt sie behutsam eine Schwanzfeder und steckt sie sich ins Haar. „Die Seele des Bussards ist jetzt sowieso nicht mehr hier und die Ameisen können den Rest aufessen, diese eine Feder trage ich zum Gedenken an diesen Vogel, den Feder Vater!“ Es sind eben diese Momente, die uns „Große“ mit Liebe erfüllen – und Stolz, uns fühlen lassen, irgendetwas richtig gemacht zu haben, auf unserer Odyssee, die sich Erziehung nennt.

 

Albas Liebe zum kleinen Schwarzen

An einem warmen Maiabend in diesem Jahr brachen wir gemeinsam an unseren Bach auf, um zu sehen, ob die Forellen nach der langen Kälteperiode, die uns im April belagerte, vielleicht endlich bei Laune seien und nach fliegenden Insekten haschten. Die Sonne stand bereits tief und die frischgrünen Erlen, Buchen und Eschen warfen lange Schatten auf das Wasser. Das Licht war fantastisch, warm und golden. Wolken von Insekten tanzten über dem Bach und wir wurden einigen Ringen gewahr, die von den fressenden Forellen an der Wasseroberfläche zurückgelassen wurden.
Alba observierte das Szenario genau, huschte hin und her, fing Fliegen und betrachtete diese in ihrer Hand durch ihre großen blau-grünen Augen. Währenddessen präparierte ich ihre Rute und band eine große Maifliege an. Als sie dieser Handlung gewahr wurde, erntete ich wütenden Protest, ob meiner Wahl. „Dies sei in jedem Falle die falsche Fliege und überhaupt habe sie das Recht selbst zu entscheiden, womit sie einen Fisch fangen wolle.“ Diese Aussage ließ mich beschämt zurück und ich fühlte mich übergriffig. Auch ein kurzer Monolog über tradierte Werte des Fliegenfischens, angepasste Entomologie und den Höhepunkt, der Trockenfliegen-Saison mit Ephemera und Co, hinterließ keinerlei Einsicht bei Alba. Somit reichte ich ihr meine Fliegen-Schachtel und ließ sie selbst wählen. Das Ergebnis war eine recht zerzauste und unscheinbare Caddis-Kreation mit langen Beinen aus Fasanenfedern, ein Freund schenkte sie mir ein paar Jahre zuvor bei einem gemeinsamen Ausflug.
„Die ist es, sie sieht genauso aus, wie die vielen Fliegen, die hier herumdüsen“, teilt mir Alba betont wissend mit. Nun gut – ich lasse sie das kleine zerzauste Schwarze selbst anknüpfen und wir legen uns auf die Lauer. Unlängst neben einem großen Berg Totholz, das sich während des Winterhochwassers aufgetürmt hat, ist durch die Eigendynamik des Baches ein tiefer Gumpen entstanden. Die Kehrströmung sieht vielverheißend aus, allerdings ist eine schnell fließende Rinne unmittelbar vor diesem „Pool“ der sichere Weg, die Fliege unnatürlich beschleunigt zu wissen.

Ehrfurcht und Loslassen

Alba ignoriert meine Befürchtungen und ist bereits dabei, die Schnur auf die notwendige Länge zu bringen. Ich sehe die durchnässte Fliege bereits vor mir, Enttäuschung, Wut – was da auch immer an Emotionen kommen mag. Da segelt das kleine Gebilde aus Haar und Federn bereits in das Kehrwasser, wo es galant auf der Oberfläche landet. Drei Sekunden später hat die schnelle Strömung die Schnur erfasst und beginnt die Fliege über die Oberfläche zu ziehen. Achtsam verfolgt Alba diese unnatürliche Bewegung und als ich sie zum Abheben der Schnur auffordern will, passiert das, was man als Zufall bezeichnen will, aber eigentlich keiner ist, ein Fisch geht der Fliege hinterher und verfehlt sie. Er verlässt seinen tiefen Gumpen und rutscht hinter der Beute her in die Rausche, die Schwanzflosse schlägt kraftvoll und lässt ihn ein letztes Mal beschleunigen, bevor der kleine schwarze Happen aus seinem Gesichtsfeld verschwindet, und im selben Moment hebt Alba die Rute.
Diese krümmt sich unmittelbar und der sichtlich erstaunte Fisch schießt mit der Strömung den Bach entlang. Wir springen, klettern und stolpern über die Basaltbrocken hinterher, so schnell wir können. Alba hat scheinbar sämtliche Gliedmaßen in den Himmel gereckt und expediert die große Forelle behutsam in ruhigeres Wasser. Ich erkenne einen Ausnahmefisch und bereite mich nervös auf das Kescher-Manöver vor. Patze ich jetzt, könnte das zu emotionalen Ausbrüchen führen, die ich ungern über mich ergehen lassen würde. Alba führt mir den Fisch heran, ihre Zungenspitze lugt zwischen den Lippen hervor, ein Zeichen höchster Konzentration, und ich bugsiere den wild um sich schlagenden Fisch in den Kescher. Atmen! Das tun wir alle Drei mit erhöhter Frequenz. Mein Versuch die Tochter zu umarmen wird abgewehrt, es geht ihr jetzt primär darum, den Fisch zu versorgen. Es ist ein herrliches Tier und die größte Forelle, die ich in den letzten beiden Saisons gesehen habe. Während Alba vorsichtig den Haken aus dem Oberkiefer des Tieres entfernt, streichelt sie es behutsam mit nassen Händen und flüstert ihm leise etwas zu. Sie riecht an ihren Fingern und lächelt mich überlegen an. Sie weiß genau, dass ich erwarte einer verbalen Schmähung meiner falschen Wahl der Fliege betreffend zu erliegen, aber sie sagt nichts. Vorsichtig hebt sie den Fisch aus dem Kescher und lässt ihn frei.

Vaters Federn

Gemeinsam setzen wir uns auf einen umgestürzten Baumstamm und schauen auf das Wasser, während die Sonne versinkt. Wir horchen und riechen, schmecken und fühlen. Und am Ende bleibt mir nichts als zu hoffen. Es ist die Hoffnung, dass meine Tochter ihre frühkindlichen Sinne, solange in sich trägt, wie möglich. Dass sie diese sammelt und archiviert, sie eines Tages weitergeben wird, wohl wissend ihres Wertes, und dann alles Sinn stiftet.

Share this article

Leave a reply

error: Content is protected !!