Indianerangeln in Portugal

Von José Rodrigues

Wein und wilde Karpfen

Die absolut spannendste und aufregendste Art Karpfen zu fangen, ist das Angeln auf Sicht. Das sogenannte Indianerangeln ist immer mit einem besonderen Nervenkitzel verbunden und verlangt einem wirklich alles ab. Es gehören eine gute Beobachtungsgabe und ein sehr vorsichtiges Vorgehen dazu, denn oft sind die Zielfische nur eine Rutenlänge von uns entfernt. Mit der Fliege auf Karpfen zu angeln ist natürlich keine neue Idee, aber aktuell scheint es in Europa sehr angesagt zu sein – und ich bin natürlich davon überzeugt, dass meine portugiesische Heimat hierfür immer noch die besten Möglichkeiten bietet.

Portugal ist bekannt für sein mediterranes Klima mit sehr wenig Niederschlag und über 250 Sonnentagen im Jahr. Hinzu kommen die weltberühmten Strände, die beeindruckenden Metropolen Porto und Lissabon, die malerische Landschaft und seine herzlichen, gastfreundlichen Bewohner. Das zweite Jahr in Folge wurde Portugal bereits von den World Travel Awards zum weltweit besten Ferienziel 2019 gekürt.

Alentejo

Außerhalb von Lissabon, nur etwas mehr als eine Autostunde entfernt, findet man das Herz der Region Alentejo – im Sommer eine Savanne, dekoriert mit uralten Olivenbäumen und knorrigen Korkeichen. Diese sind im Übrigen per Gesetz geschützt, sind sie doch Produzent des weltweit geschätzten portugiesischen Korks – gut möglich, dass deine Lieblingsrute einen Griff aus eben diesem wunderbaren Material besitzt. Der Alentejo (portugiesisch für „jenseits des Tejo“) ist die größte und zugleich bevölkerungsärmste Region Portugals und erstreckt sich mit seinen sanften Hügeln, Olivenhainen, Getreidefeldern, Weinbergen und Korkeichenwäldern von der Algarve im Süden bis hinauf zum Tejo-Tal. Zwischen fruchtbarem Grasland leuchten die weißen Dörfer und Städte, in denen das Leben seinen eigenen, gemächlichen Gang geht. Besonders geschätzt sind die Weine aus dem im Sommer knallheißen portugiesischen Hinterland, einem der besten Weinregionen der Welt. Die Spuren des professionellen Weinanbaus reichen über 2500 Jahre zurück bis in die Zeit der Griechen und Römer, die sich auf der iberischen Halbinsel niedergelassen hatten.

Hier wachsen gehaltvolle und aromatische Trauben der Sorten Aragonez, Castelão oder Syrah, die im Sommer mit wenig Wasser auskommen und Temperaturen von über 40 Grad im Schatten trotzen müssen – und deren Weine unter Kennern mittlerweile als Geheimtipp gelten. Die exzellente Alentejo-Küche leistet dem Wein an so manchem Abend gute Gesellschaft. Unumgänglich ist der berühmte Schinken des schwarzen Alentejo Schweines, Lamm und frisches Brot, das die Basis jeden Mahls darstellt. Ausgewählte Gewürze wie Koriander, Minze, Oregano, Knoblauch oder Lorbeer und natürlich köstliches Olivenöl verfeinern die Speisen weiter. Von den vielen leckeren Gerichten möchte ich den Cod à lagareiro, den portugiesischen Eintopf im Alentejo-Stil und das gegrillte Black Pork Steak besonders hervorheben und empfehlen.

Aber zurück zum Thema: eine Vielzahl der hiesigen Seen – darunter der Alqueva, der größte Stausee Europas (gespeist vom Grenzfluss Guadiana) – bieten hervorragende Möglichkeiten zum Fliegenfischen auf wilde Karpfen. Es gibt in Europa nur zwei Länder, in denen man Karpfen in flachen Gewässern auf Sicht befischen kann – Portugal ist eines davon. Im Sommer ist es hier im Alentejo extrem heiß und trocken. Die Regenfälle im Winter und Frühling bestimmen somit die Wasserstände und Bedingungen im Sommer. Die Saison ist von Mai bis Oktober, der Juni und Juli sind bei stabilem Wetter am erfolgversprechendsten, im August ist es bereits meist zu heiß. Aber wie immer beim Angeln: Ausnahmen bestätigen die Regel. September und Oktober sind ebenfalls gute Monate – das Wetter ist deutlich angenehmer, es kann allerdings zeitweise zu heftigen Stürmen kommen und der Wasserstand ist im Herbst eher niedrig. Man kann aber in dieser Zeit die besonders kapitalen Wildkarpfen fangen. Wie auch immer, in dieser Region sind während der Prime Time durchgängig gute Fänge garantiert!

Die Seen

Die einzige Möglichkeit, diese trockene Gegend in eine wirtlichere Region zu verwandeln, sind die künstlich angelegten Seen, wobei man zwischen zwei Arten unterscheidet – öffentlich und privat. Die lokalen, privaten Seen sind meist recht klein und für gewöhnlich Teil von Bauernhöfen, deren Farmer Nutzpflanzen anbauen und ihr Vieh mit dem Wasser versorgen. Gefischt wird vornehmlich an den öffentlichen Stauseen, die die Umgebung bewässern und das Reservoir für die Bevölkerung darstellen. Sie verfügen ganzjährig über Wasser und garantieren den dortigen Fischpopulationen auch im Hochsommer das Überleben. Einer dieser Seen ist der Alqueva, mit über 1400km Küstenlinie der Riese unter den künstlich angelegten Seen Europas. Meine Freunde und ich haben uns in den letzten Jahren ihn und fünf weitere Seen herausgepickt und befischen sie regelmäßig je nach Wetter- und Wasserbedingungen. Jedes der außergewöhnlichen Gewässer ist einzigartig und hat seinen speziellen Charakter, was sich auch in unterschiedlich ausgeprägten Verhaltensweisen der Karpfen zeigt – eine fischereilich enorm anspruchsvolle Herausforderung!

Der perfekte Wurf

Das obligatorische Briefing hier lautet immer gleich: „Vergesst alles, was ihr übers Karpfenangeln wisst oder welche Erfahrungen ihr damit bisher gemacht habt…“ Und das ist die Wahrheit. Im Prinzip läuft es hier vergleichsweise ähnlich ab wie das Fliegenfischen auf Bonefish oder Permit – 100% Fun also!

Das Angel-Abenteuer beginnt zunächst immer, unabhängig vom anglerischen Können, mit einer einfachen Übung – wir wählen dafür Seen mit einer hohen Populationsdichte aus, in denen die Angler mit der Unterstützung von Guides in die hiesige Technik eingewiesen werden. Man wird so auch vorbereitet auf die größeren und gerisseneren Wildkarpfen der Folgetage. An diesen Seen sind dreißig insgesamt gefangene Fische pro Tag der Normalfall! Der Rekord liegt meines Wissens bei fünfzig Karpfen von drei Anglern an einem Tag. Um solche Zahlen zu erreichen, muss man natürlich Hunderte von Fischen spotten und anwerfen. Üblicherweise wird hier vom Ufer aus gefischt, man läuft die Küste ab und sucht nach aktiven, fressenden Karpfen. Manchmal strecken die Tiere dabei ihren Rücken aus dem Wasser oder man kann ihre Bewegungen knapp unter der Oberfläche wahrnehmen und manchmal sieht man nur einen Schatten. Selbstverständlich helfen die Guides dabei die Fische zu scouten und ihre Position zu bestimmen. Das Anpirschen ist dann der nächste Schritt und der ist nicht unkompliziert. Die Karpfen sind hochsensibel für Bewegungen und machen sich beim kleinsten Anzeichen von Gefahr aus dem Staub. Besonders die Vibrationen beim Gehen schrecken sie ab. Lauft also extrem vorsichtig!

Wenn man nah genug herangekommen ist um einen Wurf zu wagen, muss die Fliege auf den Punkt präsentiert werden – nicht direkt vor die Nase, denn das verscheucht sie meistens und nicht zu weit entfernt, damit der Karpfen sie nicht ignoriert. In dieser Situation ist die Casting-Technik entscheidend und man muss einen sauberen und weiten Wurf hinbekommen, hat man doch meist nur ein kleines Zeitfenster – schnelles Handeln ist gefragt, die Karpfen stehen ja nicht still auf der Futtersuche. Man muss also vieles beachten, das kann Zeit und Konzentration in Anspruch nehmen. Der Lohn für die harte Arbeit ist aber umso größer.

Kleinere Karpfen sind für gewöhnlich einfacher von einer Fliegenmahlzeit zu überzeugen. Bei den großen und 100%ig wilden Karpfen sieht die Sache allerdings anders aus. Sie sind nicht ohne Grund so groß geworden und somit die schlauesten und scheuesten Exemplare. Häufig genug kommt es vor, dass wir einen großen Karpfen von weitem beobachten und er beim kleinsten Schritt in seine Richtung die Nahrungssuche abbricht und in der Tiefe verschwindet. Und als wäre das nicht genug, taucht der selbe Fisch kurz danach dicht neben uns wieder auf, nur um zu überprüfen was wir sind und was wir vorhaben. Es sind diese Momente, die uns davon überzeugen es mit einem wirklich besonderen Gegner zu tun zu haben. Auch wenn man einen großen Karpfen direkt vor sich hat und man nahe genug für den Wurf ist, kann immer noch viel schiefgehen. Das Herz pocht vor Aufregung, wir machen den schlechtesten Wurf der Welt, die Fliege bleibt irgendwo hängen, landet zu weit entfernt vom Fisch oder verschreckt ihn – der Karpfen taucht ab und die Chance ist vorbei.

Viele Gedanken rasen dann durch das Hirn! Aber wenn alles klappt und man zusehen kann, wie ein großer Karpfen die Fliege wahrnimmt, auf sie zuschwimmt, sein Maul öffnet und sie schließlich einsaugt, fahren die Gefühle Achterbahn. Der folgende Kampf ist unbeschreiblich und die größeren Exemplare können das Equipment definitiv an seine Grenzen bringen. Es ist etwas völlig anderes, einen Run zu haben in dreißig, vierzig Meter Entfernung und den Fisch im Lauf zu bremsen oder nahe der Rutenspitze einen panischen Karpfen zu haben, dessen unbändige Kräfte explodieren und der das Backing in Sekunden freilegt.

Am Ende ist es aber das außergewöhnliche Gesamterlebnis des Sichtfischens was zählt: beobachten, finden, heranschleichen, den einen perfekten Wurf hinlegen und dabei zusehen wie ein wilder Karpfen bereitwillig deine Fliege nimmt!

Equipment

Wegen der hiesigen klimatischen Bedingungen und der enormen Kraft der Fische benötigt man hier ähnliches Equipment wie beim Tropenangeln. Fast Action Fliegenruten in Größe #6, #7 und #8. Dazu kommen hochwertige Rollen mit gutem Bremssystem – die sind hier in Portugal beim Fliegenfischen auf Karpfen wirklich essentiell und müssen zuverlässig ihre Arbeit verrichten. Tropische Floating Schnüre sind auf Grund der hohen Temperaturen im Sommer ebenso unerlässlich, sowie Nylon-Leader in 9 feet 1X und 0X sowie Fluorocarbon OX und 1X Tippets.

In der Region Alentejo kann die Sonne ziemlich schnell ziemlich weh tun und so sollte man der richtigen Bekleidung absolut Aufmerksamkeit schenken. Schnell trocknende, langärmelige Sportshirts, lange Hosen, dünne Handschuhe, ein Buff zum Schutz des Gesichtes, ein Cap und natürlich eine Polarisationsbrille sind sehr zu empfehlen. So ausgestattet seid ihr bestens ausgerüstet für einige Kilometer Fußmarsch auf Karpfensuche unter der portugiesischen Sonne.

Die Fliegen

Auch für die hier gefischten Muster gilt: tropische Verhältnisse, tropische Fliegen. Aktuell werden viele der Fliegen invertiert gebunden, mit dem Haken nach oben, ähnlich wie die berühmten Crazy Charlies. Sie verfangen sich so weniger schnell in Felsspalten oder Pflanzen bzw. Totholz. Ich bevorzuge hierbei diskrete, natürliche Muster und präferiere braun, oliv oder schwarz in der Farbgebung, weiche Fasern wie Marabou oder Kaninchenfell. Von glitzernden Materialien muss ich abraten – zu leicht werden die Karpfen hiervon verschreckt. Viele der Modelle, die ich benutze, sind versehen mit dünnen Gummibändern, die am Tail oder an der Seite angebracht sind. Das gibt den Fliegen eine bessere Balance und erhöht, zumindest in den Augen der Karpfen, deren Attraktivität eindeutig.

Dieses zusätzliche Gewicht ist auch notwendig und wird häufig variiert, denn es entscheidet über die Sinkgeschwindigkeit des Musters. Das ist ein enorm wichtiger Faktor als Bissauslöser und damit entscheidend für die Reaktion des Fisches. Sinkt die Fliege in perfektem Tempo, sind die Karpfen neugierig und zeigen ein hohes Interesse. Wenn die Fliege aber zu schnell aus dem Sichtfeld des Fisches gerät, ist das Spiel in der Regel verloren – selten, wenn man großes Glück hat, saugen die Karpfen die Fliegen aber auch vom Grund ein.

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