Holländische Monsterbarsche

by Chris Chew

Charakter Köpfe!

Vielleicht war es Liebe auf den ersten Blick, zumindest aber auf den ersten Biss. Ich war sieben Jahre alt, im Besitz einer kurzen Steckrute, einer Pose, kleinen Bleien und Haken und einiger unglücklicher Maden – am Ende des Tages hielt ich meinen ersten selbstgefangenen Barsch in der Hand. In den nächsten Jahren konnte man mich dann häufig dabei beobachten, wie ich auf allen Vieren um einen Teich herumkroch, lediglich bewaffnet mit dem Spitzenteil meiner Rute an dem ein sehr kurzes Stück Schnur hinabhing – die Barsche versteckten sich unterhalb der Böschung und genau dort lauerte ich ihnen auf. Im lokalen Angelverein war ich als Barsch-Spezialist bekannt, aber wie viele andere Jungangler verlor ich das Interesse an kleinen Fischen und sehnte mich nach Kampf, Abenteuer und großen Fängen. Die Rutenspitze landete im Keller, Karpfenangeln war angesagt.

Vor ungefähr fünf Jahren aber entdeckte ich das Kunstköderangeln wieder für mich und es dauerte nicht lange, bis auch meine alte Liebe, die Barsche, mich wieder reizten. Mit einem Unterschied: ich war älter und größer. Und irgendwie waren die Barsche das auch – die holländischen Monsterbarsche!

50 Plus

Die größten europäischen Exemplare findet man eindeutig in den Niederlanden. Viele Angler fahren nach Spanien, an einen berühmten See mit schwer auszusprechendem Namen, um dort ihr Glück auf richtig große Barsche zu versuchen – in den Niederlanden jedoch gibt es mehrere Gewässer und viel mehr Möglichkeiten kapitalen Barschen zu begegnen, fließen doch große Flüsse von Deutschland durch Holland, um schließlich in der Nordsee zu münden. Früher waren 50cm-Exemplare eine absolute Ausnahme, aber heute findet man immer mehr von ihnen. Der Grund hierfür ist vermutlich die explosionsartige Vermehrung der Grundeln in den letzten Jahren. Für Barsche müssen die Flussbetten der Maas, Waal, Lek und Rijn wie ein überbordendes Buffet aussehen! Ich habe hier viele große Barsche mit zerschrammtem Kopf gefangen, einige hatten sogar eine Art Höcker am unteren Teil ihres Kiefers – nicht geeignet für die Jagd in offenem Wasser, dafür optimal um Grundeln zwischen Steinen hervorzugraben. Die Friedfischangler haben natürlich ihre Probleme mit der Grundelinvasion – wir Barschangler können davon eindeutig profitieren.

Aussehen und Charakter

Ich fische grundsätzlich nur in den Wintermonaten auf kapitale Barsche. Warum? Nun, die großen Exemplare ziehen im Winter in die tiefen Löcher, die eine Verbindung zum Fluss haben. Dort suche ich klares Wasser, denn Barsche lieben es bei guter Sicht zu jagen. Diese tiefen, langweiligen Areale sehen nach nichts

aus, aber glaubt mir, im Winter halten sich hier die wirklich Kapitalen auf. Und in dieser Zeit erreichen die Barsche auch ihr Höchstgewicht. Nun möchte ich allerdings nicht dem derzeitigen Trend folgen und jeden Fang sofort wiegen und vermessen. Ich beurteile nach Aussehen. Große Fänge hinterlassen Spuren im Gedächtnis – eine Erinnerung, die einen so schnell nicht mehr verlässt. Wenn ich in zwanzig Jahren zurückblicke, werde ich mich nicht an die 20 Mickerlinge erinnern, aber an den einen Großen sicherlich. Ein großer, schrundiger Kopf, ein riesiges Maul und eine narbige Rückenflosse als Erinnerung an die Zeit, in der er noch Hechtfutter war – auf diese Fische angel ich. Größe, Aussehen und Charakter bedeuten mir etwas, die genauen Maße sind mir egal.

Es ist eine harte Angelei. Diese tiefen Winterspots sind deutlich kleiner als die Flussläufe, mit denen sie verbunden sind, aber sie sind immer noch groß genug. Die Fische verteilen sich auf die mitteltiefen Stellen, kurz bevor es an der Kante ganz runtergeht. Man muss sehr flexibel sein – wo man gestern einen sensationellen Lauf hatte, herrscht heute vielleicht die totale Flaute. Man muss in Bewegung bleiben und möglichst viele Stellen ausprobieren, um den richtigen Spot auszuloten. Mir gefällt das gut, ich mag es unterwegs zu sein. Und wenn man dann einen Monsterbarsch in den Händen hält, sind die Strapazen eh vergessen. Viele Angler meinen das Releasen sei der schönste Moment und ich kann das nachvollziehen – aber mir geht es anders. Das Beste ist der Biss – das ist es, worauf man wartet, wofür man arbeitet. Die Präsentation des Köders mit den kleinen Bewegungen, die Anspannung in die Rute fließen lassen und die alten, intelligenten und großen Barsche glauben lassen, sie könnten dieses Stück Plastik wirklich verspeisen. Die Entladung der Spannung in dem Moment, in dem man den harten Schlag spürt, der durch die Rute in den Arm fährt. Das Umschlagen von Spannung in pures Adrenalin. Volle Konzentration und das Gefühl mit dem Fisch verbunden zu sein. Das Setzen des Hakens, die Antwort des Tieres: kraftvolle Kopfstöße. Das sind die Momente, für die ich das mache.

Cranks und Kickback

Meine bevorzugte Technik ist das schnelle und aggressive Fischen von Crankbaits ohne Tauchschaufel. Es erlaubt einem den Fisch schnell zu lokalisieren und in kurzer Zeit eine große Wasserfläche abzudecken. Düsterer Himmel, stürmischer Wind und Temperaturen über null Grad – das sind die Wetterbedingungen, mit denen ich hierbei die besten Erfahrungen gemacht hab. Große Wellen und Wind, der einem ins Gesicht peitscht, brachten mir die härtesten Bisse – häufig in völlig unerwarteten Momenten – direkt unter der Rutenspitze. Leider funktionieren die Cranks auch nicht immer und so muss ich mich manchmal neu orientieren und etwas herunterfahren, denn ein gefühlvollerer Ansatz mit kleinen Softbaits ist manchmal eher der Bringer! In solchen Situationen fische ich bevorzugt ein Kickback-Rig, bestehend aus einem kurzen Seitenarm mit einem 10-20g-(Dropshot)Gewicht und einem 50-60 cm Fluorocarbon-Vorfach mit einem großen Offset- oder Widegap-Haken. Zusätzlich ein Softbait eurer Wahl, et voilá.

Wenn die Barsche passiv und satt sind, reicht manchmal ein einfacher Shad oder ein kleiner Creature-Bait um ihr Interesse zu wecken und die Barsche zu einem kurzen Anfasser zu überreden – und ein vorsichtiger Anfasser ist beim Kickback-Rig alles was ihr braucht, insbesondere weil die kleinen Softbaits bei dieser Montage kein Gewicht besitzen und die Fische sie so quasi inhalieren können. Einfach auswerfen, das Rig zu Boden sinken lassen und es langsam entlang der Steinpackung wieder einholen. Lasst den Köder arbeiten und gönnt ihm auf dem Weg häufig eine Pause – viele der Barsche schlucken den Köder, wenn er komplett still steht!

Der inflationäre Bilderstrom auf Facebook oder Instagram erweckt leider den Eindruck, als gäbe es sie endlos, die riesigen Barsche. Mit der Realität hat das aber absolut gar nichts zu tun. Die beschriebenen Gewässer weisen schon eine sehr hohe Konzentration wirklich großer Barsche auf – aber echte Monsterbarsche sind rar und man muss für jeden Ausnahme-Fang hart arbeiten. Auch wenn das Barschangeln sehr angesagt ist in den letzten Jahren: es ist nichts für Schönwetter-Fischer. Für die Monsterbarsche muss man sehr viel Zeit investieren, man benötigt große Motivation und noch mehr Ausdauer. Aber wenn man dann so einen fetten und bildschönen Charakterfisch im Netz hat, ist alle Mühe und Anstrengung vergessen.

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